„Betonperspektive“, © Jördis Hirsch

Editorial

Ostjournal formiert sich neu

die Redaktion
Mai:Juni 2022

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Auf einen Aufruf des Ostjournals, sich an einer neuen Redaktion zu beteiligen, meldeten sich im Frühjahr 2021 mehr als zwei Dutzend Menschen. Beim ersten Treffen waren es sogar noch mehr. Es war der Abend eines für die Jahreszeit ungewöhnlich kalten Tages. Der unerwartet große Andrang warf unser coronabedingtes Hygienekonzept für die geplanten Innenräume über den Haufen und so fanden wir uns schließlich frierend in einem riesigen Stuhlkreis auf einem Innenhof im Schatten des Berliner Stasi-Museums wieder. Neben Wissenschaftler:innen und Arbeiter:innen, Künstler:innen und Aktivist:innen kamen eine Vielzahl von Perspektiven, Ideen und Charakteren an diesem Abend zusammen. Entsprechend lebhaft und zuweilen chaotisch verlebten wir das Treffen. Der Anfang für einen kreativen Prozess aber war gemacht.

Dieser Prozess greift ein Experiment auf, dass drei junge Menschen aus Kroatien, Rumänien und Ostdeutschland vor mehr als fünf Jahren starteten. Sie gründeten ein ehrenamtliches Magazin, das Stimmen der Wende- und Nachwendegeneration aus der postsozialistischen Transformation hörbar machen und eine neue Erzählung von Europa schaffen wollte. Ihr gemeinsamer Bezug war das Internationale Parlamentsstipendium des Deutschen Bundestages (IPS), Zielgruppen waren damit auch immer sowohl die öffentliche Meinung als auch Politiker:innen.

Die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Magazins waren die zeitlichen Ressourcen. Darum veränderte sich die Konstellation der Redaktion schnell und häufig, und mit ihr die inhaltlichen Ideen und Schwerpunkte. Es kamen interessierte Menschen hinzu, andere stiegen aus. Bis 2020 konnten insgesamt sechs Magazine als Printausgaben mit jeweils etwa 100 Seiten Reportagen, Rezensionen, Interviews und Essays veröffentlicht werden. Dazu gab es diverse Online-Beiträge auf der Internetseite des Journals sowie begleitende öffentliche Veranstaltungen zu den Themenschwerpunkten der jeweiligen Ausgaben.

2020 schließlich musste das Ostjournal in seiner bisherigen Form aufgeben. Für die ursprünglichen Macher:innen schloss sich mit der Ausgabe „Frankfurt oder Słubice“ ein Kreis, hatte ihre Arbeit doch in den Räumen der Europa-Universität Viadrina begonnen und stets von den dortigen universitären Netzwerken profitiert und sich inspirieren lassen. Nicht alle Mitglieder der alten Redaktion konnten sich aber mit dem Ende abfinden. Zwei von ihnen starteten eine Neuaufstellung des Ostjournals. Ein Neubeginn mit einigen Veränderungen sollte her.

Zu den Veränderungen gehört, dass sich das neue Ostjournal gänzlich von parteipolitischen Bezügen emanzipiert, die auch vorher mehr Fremd- als Selbstzuschreibungen waren. Politiker:innen entfallen als Adressat:innen, ebenso der starke akademische Bezug. Dazu passt, was die Basis für den Relaunch sein soll: eine kollektiv organisierte Redaktion. Eigene Privilegien und Machtstrukturen in der Gruppe sollen reflektiert werden, Arbeitsprozesse transparent und demokratisch ablaufen. Der Aufbau einer Kollektivredaktion ist kompliziert und langwierig und hält bis heute an. Nicht alle hatten Zeit und Lust, sich auf einen solchen Prozess einzulassen. Eines war schließlich geblieben: chronische Kapazitätsengpässe, wie sie wahrscheinlich jedes ehrenamtliche Projekt kennt. Im Mai 2022 sind es rund ein Dutzend Menschen, die stolz die erste Ausgabe des neuen Ostjournals präsentieren, denn eines ist bis heute geblieben: die Relevanz des Ostens.

Was dieser genau ist, vermögen wir nicht zu sagen. Aber dass es ihn gibt, wissen wir. Ebenso, dass er innerlich, wie der Blick auf ihn, durch Machtgefälle durchzogen ist. Das zeigt uns nicht nur auf ganz erschütternde Weise der Krieg in der Ukraine, der uns getroffen und in den Überlegungen zu unserer ersten Ausgabe beschäftigt hat. Unsere Perspektiven darauf sind vielschichtig und divers und nicht nur von Einigkeit gekennzeichnet. Zu einer abschließenden Analyse sehen wir uns nicht heute und wahrscheinlich auch nicht morgen imstande. Eine solche erscheint darum auch nicht in unserer Ausgabe. Was wir sehen, sind Spannungsfelder, die wir in produktiven Auseinandersetzungen aufgreifen, und damit Diskussionen befruchten wollen. Denn die größte Sackgasse bleiben polarisierte Debatten und Freund-Feind-Logiken.

Einige kontroverse Spannungsfelder beschäftigen uns in unserer ersten Ausgabe „Darum Osten“, in der wir der Frage nachgehen, warum ein Aufruf für eine Redaktion mit Ostbezug so viel Resonanz erzeugt. Wir antworten mit Vielschichtig- und Konflikthaftigkeit und werfen Fragen auf, die auch in unserer Redaktion unterschiedliche Positionen zum Vorschein bringen: Ist es okay, den nationalistischen Ausruf Slava Ukrajini! zu verbreiten? Kann man von Ostdeutschland als einer Kolonie sprechen? Sind Ostdeutsche wirklich die größten Verlierer:innen?

Maria Reiswich hat Reaktionen und Statements aus der ukrainischen und russischen Musikszene zum Krieg in der Ukraine auf Instagram gesammelt und in einer Collage zusammengestellt. Nicht jede:r in der Redaktion hätte die gerne unkommentiert gelassen. Jan Peter beschäftigt sich in einem persönlichen Essay mit der eigenen Biografie, den Träumen von 1990 und Ostdeutschland als dem Anderen. Lässt sich das mit dekolonialen, queeren, feministischen und antikapitalistischen Kämpfen der Gegenwart zusammendenken? Dascha Schwarz hat ein Interview mit dem Netzwerk Polylux geführt, das Antifa-Strukturen im ländlichen Raum Ostdeutschlands fördert und damit  zeigen will, dass nicht alle im Osten scheiße sind und dafür „den reichen Wessis nimmt und den armen Ossis gibt“.

Angelika Nguyen entdeckt in ihrer Filmkritik von „Ein Hauch von Amerika“ bisher kaum verbreitete Perspektiven auf die Nachkriegszeit in Ost- und Westdeutschland und das Narrativ der Freiheit. Damit schlägt sie schließlich auch den Bogen zur Gegenwart und einem vermeintlich wiederaufflammenden Kalten Krieg. Nina Heinrich interviewte die litauische Medienberaterin, Eva Brazdžionytė, und sprach mit ihr über die litauische Medienlandschaft heute, ihre historischen Entwicklungen und ihre Bezüge, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen ost- und westeuropäischen Medienstandorten. Jan Wenzel und Frederik Richthofen stellen Helga Paris‚ Fotoserie Leipzig Hauptbahnhof 1981/82 vor und entdecken dabei eine „meisterhafte Milieustudie“.

In einem weiteren persönlichen Essay verhandelt Roland Zschächner auf bisweilen scharfzüngige Art und Weise die Scham, in Ostdeutschland aufgewachsen zu sein, die Rückkehr der Junker und nicht weniger als die Suche nach sozialer Gerechtigkeit. Dazu passt die soziale Spaltung, die Andrej Holm in ostdeutschen Städten beobachtet und anhand des Verhältnisses von Einkommens- und Mietpreisentwicklungen analysiert. Gründe dafür sieht er in der Restitution der 1990er-Jahre und dem „Altschuldenhilfegesetz“. Schließlich führt Thomas Stange ein Interview mit Svetlana von Quarteera, einem russischsprachigen queeren Verein mit Basis in Berlin-Marzahn. Die beiden sprechen über Post-Ost, Selbst- und Fremdwahrnehmungen, Plattenbauten in Deutschland und Russland sowie den Krieg in der Ukraine. Die Illustrationen der ersten Ausgabe sind aus verschiedenen Serien von Jördis Hirsch zusammengestellt. Ein großer Dank gilt ihr sowie allen Autor:innen. Ein besonderer Dank gebührt zudem Christin Haschke und Marcel Zentel für das Layout und die Gestaltung der Webseite und Dietmar Wolf für die Systemadministration sowie Friedemann Wiese für weitere Textarbeit.

In den Beiträgen von „Darum Osten“ spiegelt sich unsere neue Idee vom Ostjournal. Eine Idee, die Post-Ost-Perspektiven als wichtig erkennt, neue und erneuerbare Erzählungen von (Ost-)Europa abseits von Eindimensionalität und Exotisierung eröffnen will, und dabei immer eine gesellschaftskritische, linke und emanzipatorische Perspektive einnimmt. Das erscheint nun nicht mehr nur in Text und Bild, sondern auch in Ton. Das Ostjournal geht damit nicht nur weiter, sondern treibt das Experiment mit neuen Formaten auf die Spitze. Zu finden ist das alles auf unserer neuen Webpräsenz.

Viel Spaß beim Lesen, Hören und Sehen!

 

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