„Alix“, © Jördis Hirsch

Filmproduktion in Litauen

„Wir sind schneller als die anderen“

Die Dünen der litauischen Küste rund um Nida ist zumindest der internationalen Fotografieszene ein Begriff – lassen sich hier doch mondlandschaftsartige Bilder einfangen. Ansonsten verschwindet das kulturelle Angebot des kleinen Landes eher unter dem Radar. In der zum UNESCO-Welterbe erklärten Hauptstadt Vilnius treffen sich Filmliebhaber:innen jährlich, um gemeinsam das „Kino Pavasaris“ zu feiern – doch wie steht es eigentlich um Litauen als Produktionsstandort für Filme? Und welche Einflüsse nimmt hier die sowjetische Vergangenheit des Landes? Ich sprach mit Eva Brazdžionytė, regionale Expertin und Beraterin für Finanzierungs- und Produktionsstrategien in Film und Medien.

von Nina Heinrich

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Eva, wie funktioniert die litauische Bewegtbildlandschaft?

Wir sind ein Land mit geringer Produktionskapazität. Den Ausdruck „Low production capacity country“ verwendet die Europäische Kommission zur Einordnung der Stellung unserer Medien in der Welt. Was den Konsum betrifft, ist es bei uns ähnlich wie überall sonst – nach wie vor sind zum Beispiel Seifenopern im Fernsehen sehr beliebt. Inwiefern andere Inhalte gesehen werden, lässt sich kaum messen, da es Video-on-Demand-Plattformen vergleichsweise spät zu uns geschafft haben. Den Ton angebende Player wie HBO oder Netflix waren in Litauen – wie wohl in vielen Ländern Osteuropas – lange nicht zugänglich. In unsere Konsumkultur ist daher Internetpiraterie recht tief verankert, um illegal an Inhalte zu kommen.

 

Litauische Produktionen begegnen einem auf Netflix auch eher selten. Wie sehr wird das einheimische Kino im Land wertgeschätzt?

Die Ticketverkäufe für nationale Premieren sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Natürlich lieben die Menschen die US-amerikanischen Blockbuster, doch sind mit deren Erfolg litauische Produktionen inzwischen gleichauf. Das betrifft besonders Komödien mit sehr bekannten einheimischen Schauspieler:innen. Solche Produktionen werden daher von der Medienindustrie bevorzugt finanziert und gepuscht.

 

Komödie ist also DAS litauische Filmgenre?

Komödien sind das populäre Genre, die Kassenschlager, indes nicht in erster Linie Ausdruck unserer Filmidentität. Der gesamte osteuropäische Raum hat eine große Dokumentarfilmkultur. Ich denke, der Grund dafür ist unsere Geschichte. Dokumentarfilme wurden während der Sowjetzeit gern dazu genutzt, um zwischen den Zeilen einfließen zu lassen.

Viele angehende litauische Filmemacher:innen haben an der russischen Filmschule VGIK in Moskau studiert und dort zu dem Genre eine Menge Können und Wissen gesammelt. Ähnlich ist es in anderen osteuropäischen Ländern. Die berühmteste Regisseurin Lettlands zum Beispiel, Laila Pakalnina, besuchte diese Filmschule und feiert nun mit ihren Dokumentarfilmen international Erfolge.

 

Inwiefern ist Litauens Medienkultur noch Teil einer osteuropäischen Tradition?

Die kulturelle Verbindung ist erst kürzlich wieder erstarkt. Üblicherweise wurden Koproduktionen eher mit Ländern wie Frankreich angestrebt, um mehr Mittel zu haben. Aber seit wir angefangen haben, uns mit Themen auseinanderzusetzen, die uns wirklich beschäftigen, finden mehr Kooperationen mit anderen osteuropäischen Ländern statt. Uns verbinden die Geschichten, die wir zu erzählen haben.

 

Welche Geschichten sind das?

Historiendrama sind ein markantes Genre als Ausdruck unserer osteuropäischen Identität. Das wohl häufigste Motiv in den Erzählungen ist der Kampf um Unabhängigkeit. In der 2010 entstandenen Buchverfilmung „Book Smugglers“ geht es zum Beispiel um Menschen, die im 19. Jahrhundert Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in litauischer Sprache illegal verbreitet haben, nachdem Litauisch von den Russen verbannt worden war.

 

Welche Herausforderungen gibt es dabei?

Wir haben Geschichten, die uns auf der Seele brennen und die wir erzählen möchten, doch zum Teil fehlt uns noch das Handwerkszeug im Bereich Drehbuch. Ein paar Autor:innen zeigen sich sehr engagiert darin, international Trainings und Workshops zu besuchen, ihre Ideen zu pitchen und sich Beratung zu holen. Doch könnte sich meines Erachtens die Idee der kollaborativen Kreativität im Film in der Mentalität noch stärker durchsetzen.

 

Wie international konkurrenzfähig ist die Medienwelt Litauens inzwischen?

Der Fernsehsender LRT wurde durch seine neue Programmdirektorin Monika Garbačiauskaitė-Budrienė während der Corona-Zeit so stark verändert, dass s die Inhalte qualitativ nun mit der BBC messen möchte. Auch der Zugang zu legalen VoD-ngeboten hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert – es gibt sogar eine litauische Plattform: „ŽMONĖS Cinema“.

Da wir ein sehr kleines Land sind, tun sich Investor:innen leider immer noch schwer, uns als eigenständigen Produktionsstandort zu betrachten. Wir fallen eher in die Kategorie „Baltikum“; die internationalen Erwartungen sind vor allem die Schublade Art-House-Kino, also die Nischen.

 

Wie unterscheiden sich die Filmlandschaften innerhalb des Baltikums?

Was Ressourcen angeht, hat Estland eindeutig die besten Voraussetzungen: Das estnische Filminstitut existiert länger als das litauische und es gibt im Land höhere Budgets für die Filmindustrie. In Litauen experimentieren wir aber mit neuen Darstellungsformen. So sind wir 2019 erstmals wieder nach 17 Jahren Pause mit mehreren Koproduktionen beim Filmfestival von Venedig vertreten gewesen, unter anderem mit der Virtual-Reality-Animation „Angelų takais“ (Weg der Engel). Ich würde sagen, Litauen ist im Baltikum am schnellsten und wendigsten, um auf neue Strömungen und Entwicklungen zu reagieren.

 

Was empfindest du als größte Stärke der litauischen Filmwelt?

Im Verhältnis dazu, wie klein das Land ist, gibt es viele Festivals, Zusammenschlüsse und Initiativen rund um Medienproduktion und -distribution. Wir haben zwei Dokumentarfilmfestivals – „Nepatugos Kinas“ (Unangenehme Filme) und „Vilniaus dokumentinių filmų festivalis“ (Dokumentarfilmfestival Vilnius); außerdem „Kino Pavasaris“, das internationale Filmfestival Vilnius, und „SCANORAMA – European Film Forum. Das Filmfestival Vilnius hat auch eine eigene VoD-Plattform und das Lithuanian Shorts Agency veranstaltet jährlich ein Kurzfilmfestival. Auch, wenn es uns hier und da an Mitteln, Geldern und Wissen fehlt, ist die Liebe und die Aufmerksamkeit für Filme eindeutig vorhanden.

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