Titelblatt Ausgabe 6-07
© Hannah Uhlmann

Editorial

bewegen

die Redaktion
August 2025

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Der Thermometerstand bewegt sich beinahe ebenso schnell rauf und runter wie die Tasten der Redaktionstastatur. Waldbrände bewegen sich durch die ostdeutsche Ebene, wie schon die letzten Sommer von einem Truppenübungsplatz zum nächsten. Größter Waldbrand in Sachsen seit wir uns erinnern. Und dann Regen, der laut Warnung MV zu überschwemmen droht? Die Bewegung junger Leute aus eben jener Ebene in die Städte schreitet unverändert voran. Sogar die Sonnenblumen vertrocknen auf Brandenburger Äckern und in Schkopau wird die erneute Abwicklung chemischer Industrie angekündigt. Geht es abwärts, nicht nur im Ackerbau, oder bewegt sich hier etwas im Kreis, drehen Rückbau und Aufbau Pirouetten?

Bewegung zeichnet sich durch eine (Orts-)Veränderung aus, durch Impuls, Richtung und, gerade im Juli, durch die Trägheit der Körper, auf die sie wirkt. Die Sommerausgabe des Ostjournals widmet sich sozialen, politischen und kinetischen Dynamiken im Osten.

Die Bebilderungen dieser Ausgabe hat Hannah Uhlmann mit ihrer Kameralinse eingefangen. Ihre Fotoserie Stillstand in Bewegung featuren wir zudem in einem Bildbeitrag. Flotter Dank an alle Beitragenden für ihre Impulse, die wir euch geschwind vorstellen wollen:

Die Beiträge

So viele Menschen wie noch nie haben sich diesen Sommer zu und in Pride Marches durch Ostdeutschland bewegt. Gleichzeitig erreichte auch die Zahl von Angriffen auf diese einen neuen Höchststand. Jennifer Anlauf zieht Schlüsse in Queer, Antifa, Ostdeutsch. Wie bewegend Solidarität sein kann.

In Kroatien wie auch in anderen Teilen des Balkans stehen Frauenrechte unter Druck. Waren im ehemaligen Jugoslawien reproduktive Rechte in der Verfassung verankert, forcieren rechte Kräfte mit kirchlicher Unterstützung eine Rückwärtsbewegung. Konstantin Hadži-Vuković spricht darüber mit der Juristin und Aktivistin Nada Topić Peratović.

Von Umbruch zu Umbruch schreitet die Lausitz. Die Autorin und Filmemacherin Grit Lemke im Interview über den Landstrich, seine Bewohner:innen und die Frage nach westdeutschem Kolonialismus: Meine Heimat ist Vielfalt.

Entgegen früherer Wahlergebnisse konnte Die Linke bei der vergangenen Bundestagswahl im Westen deutlich Stimmen gut machen. Wird sie Bewegungs- statt Ostpartei oder sind die Wählerwanderungen anders zu erklären, fragt Konstantin Petry.

Wie bewegt man sich durch eine Welt, die einem nie ganz gehört – und der man trotzdem nie ganz entkommt? In Insel ohne Umlaufbahn erzählt Isza eindringlich und poetisch von Migration, Kindheit, sozialer Herkunft und Identität im, mehr als nur geographischen, deutsch-polnischen Grenzgebiet.

Angelika Nguyen findet, die ARD-Miniserie Nackt über Berlin ist weit mehr als ein Jugenddrama. In sechs Teilen erzählt sie mit Tempo, Witz und Tiefgang von zwei Ostberliner Teenagern, die ihren Schuldirektor entführen – auf der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und sich selbst.

In Almaty, Kasachstan, bewegt sich eine kleine aber sehr aktive alternative Szene auf Punkkonzerten. Zu den Einheimischen mischen sich Viele, die Putins Russland hinter sich lassen wollten oder mussten. Hardy Krüger fotografierte und berichtet über Anarchy in the Kazakhstan.

Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist der Anarchismus wieder verstärkt im Fokus linker Debatten im russischsprachigen Raum. Auch in der Ukraine fällt immer häufiger der Name des anarchistischen Widerständlers Nestor Machno als linkes Gegenbeispiel zum Nationalisten Stepan Bandera. Ist Anarchismus jetzt der neue Trend und löst die Anhängerschaft zu Nawalny ab? Interview mit Valerie Brosch.

Es gibt Ereignisse, die bleiben, wie die Pogrome gegen Vertragsarbeiter:innen in Ostdeutschland. Sie verweisen auf die Vergangenheit und wirken bis heute nach. Die Ausstellung Brotherland begibt sich auf die Suche nach Träumen, Gewalt und dem, was davon übrig geblieben ist. Martina Zaninelli und Thomas Jakobs haben sie kuratiert.

Die Umweltbibliothek in Ostberlin war in den 80ern nicht nur Ankerpunkt für die unabhängige Umweltbewegung, sondern wichtiges Forum für die DDR-Opposition insgesamt. Einer ihrer Mitbegründer, der Anarchist Wolfgang Rüddenklau, reflektiert über den Werdegang einiger ehemaliger Mitstreiter:innen in der aktuellen Diskussion um bundesdeutsche Aufrüstung: Unentschlossen. Das Ostjournal dokumentiert seine Intervention.

Hannah Uhlmann steuerte die Bebilderung dieser Ausgabe bei. Ihre Fotoserie Stillstand in Bewegung dokumentiert politische Proteste ebenso wie queere Sichtbarkeit, alltägliche Orte des Übergangs, Zeichen des Wandels, der Erosion, der Wiederaneignung.

 

Still oder stramm stehen wollen wir nicht und wünschen euch eine bewegte Lektüre dieser Ausgabe.
euer Ostjournal

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